Informations- und Medienberufe

Die neuen Informations- und Medienberufe - Eine Chance für Jugendliche mit besonderem Förderbedarf

Die neuen Informations- und Medienberufe - Eine Chance für Jugendliche mit besonderem Förderbedarf
Jörg Hutter

Vier norddeutsche Bildungsträger erproben zurzeit in einem Modellversuch, wie sich benachteiligte Jugendliche über berufsvorbereitende Lehrgänge in die betriebliche Ausbildung integrieren lassen. Die Informations- und Medienberufe eröffnen diesem Personenkreis dabei neue berufliche Perspektiven.

Ein unterschiedlich großer Anteil von Jugendlichen findet Jahr für Jahr keinen geeigneten betrieblichen Ausbildungsplatz. In Hamburg beispielsweise befanden sich Anfang 2001 15.000 Jugendliche in berufsvorbereitenden Maßnahmen oder auf außerbetrieblichen Ausbildungsplätzen. Dem gegenüber stehen nur 12.000 neue betriebliche Ausbildungsverträge für das Jahr 2000 Ohne Zugang zur beruflichen Ausbildung bleibt vielen damit der Einstieg in einen qualifizierten Beruf verwehrt. Die wirtschaftliche Strukturkrise im Osten Deutschlands hat diesen Ausbildungsplatzmangel sogar noch verschärft. Diesen Engpass auf dem Ausbildungsstellenmarkt versucht der Staat seit Jahren über die Subventionierung betrieblicher Ausbildung sowie die Finanzierung außerbetrieblicher Ausbildung aufzulösen.

Trotz aller Anstrengungen der außerbetrieblichen Bildungsträger, die betreffenden Jugendlichen durch eine solide Ausbildung auf das Berufsleben vorzubereiten, sind die Defizite dieser Bildungsform nicht wegzudiskutieren. Da die Ausbildung fernab der tatsächlichen Arbeitswelt erfolgt, haben die Jugendlichen aus außerbetrieblichen Ausbildungslehrgängen schlechtere Chancen auf dem Arbeitsmarkt als solche, die eine betriebliche Ausbildung durchlaufen. Zudem bleiben die Berufswahlmöglichkeiten eingeschränkt. Das Ausbildungsplatzangebot der außerbetrieblichen Bildungsträger bildet bei weitem nicht die Vielfalt aller Ausbildungsberufe ab. Vor allem sind es die unter Jugendlichen sehr attraktiven neuen Berufe im Informations- und Telekommunikationsbereich (IT-Branche) sowie die Medienberufe, zu denen die so genannten Benachteiligten keinen Zugang finden.

Berufsvorbereitende Grund- und Förderlehrgänge nutzen   Zurück zum Inhalt

Diese Marginalisierung wollen der Nordverbund bereits in der Phase der Berufsorientierung und -vorbereitung überwinden. Der mit Geldern des Bundesministeriums für Bildung und Forschung sowie Mitteln des Europäischen Sozialfonds finanzierte Modellversuch setzt somit einen etwas anderen Akzent als das in dieser Zeitschrift erst jüngst vorgestellte Modellvorhaben "Arbeitsweltbezogene Jugendsozialarbeit". Während dort an sieben verschiedenen Standorten Modelle erprobt werden, Jugendliche direkt in die betriebliche Ausbildung zu integrieren und sozialpädagogisch zu begleiten, bereiten die Träger der Benachteiligtenförderung im Nordverbund die Jugendlichen an vier Standorten erst einmal mit einjährig andauernden Grund- bzw. Eingliederungslehrgängen auf die spätere Vermittlung in betriebliche Ausbildung im IT- und Medienbereich vor.

Im PC-Ausbildungsraum vom  ABW
Im Angermünder Bildungswerk. Dr. Dietmar Herbrich mit den Auszubildenden Ines Kohn und Stephanie Schulz (v.l.n.r.).

Zu den Kooperationspartnern des Nordverbundes zählen das Angermünder Bildungswerk, das Arbeiter-Bildungs-Centrum der Arbeitnehmerkammer Bremen, das Schweriner Ausbildungszentrum und Jugendbildung Hamburg, bei der die Projektleitung angesiedelt ist. Da die Vermittlung von PC- und Internetgrundlagen ohnehin zu den Grundkompetenzen fast aller Ausbildungsberufe zählen wird, wird in dem Modellvorhaben zudem geprüft, in welcher Form und in welchem Umfang sich diese Qualifizierungsabschnitte in allen anderen berufsvorbereitenden bzw. außerbetrieblichen Ausbildungslehrgängen implementieren lassen. Unser diesbezüglich längerfristiges Ziel ist es, einen entsprechenden Qualifizierungsbaustein "EDV- und Internetgrundlagen" zu entwickeln und zu erproben, der später als standardisiertes Grundbildungsinstrument in der Benachteiligtenförderung eingesetzt werden kann.

In einem anderen Schwerpunkt erproben wir allerdings auch die unmittelbare Vermittlung in betriebliche Ausbildung. Die betrifft zum einen die Berufsausbildung zum Mechatroniker, zum anderen die Ausbildung zu Fachkräften im Gastgewerbe. Die Ausbildung wird hier gewissermaßen "trial" strukturiert, da sich neben den Lernorten Betrieb und Berufsschule der Bildungsträger mit seinen begleitenden Stütz- und Förderkursen etabliert. Auf diese im Lernortverbund organisierte Ausbildung kann an dieser Stelle nicht weiter eingegangen werden. Wir werden dieses Thema in unserem zweiten Newsletter, der im Oktober 2001 erscheinen wird, ausführlich behandeln.

Lernortkoordination als Schlüssel zum Erfolg      Zurück zum Inhalt

Um das Berufsfeld IT- und Medienberufe für Jugendliche mit besonderem Förderbedarf zu öffnen, muss den auf Seiten der Firmen recht hoch gesteckten Erwartungen an die fachliche Kompetenz der potenziellen Auszubildenden Rechnung getragen werden. Die fachlichen Anforderungen dienen somit als Orientierungsmaßstab bei der Entwicklung von Ausbildungsplänen und sind nur in Abstimmung mit den für die spätere Ausbildung in Frage kommenden Betrieben auszuarbeiten. Somit übernehmen die Träger der Benachteiligtenförderung bereits in der Phase der Berufsvorbereitung junger Menschen die Rolle eines Moderators zwischen ausbildungswilligen Jugendlichen und ausbildenden Firmen. Um beide Seiten zusammen zu bringen, sind mindestens sechswöchige Praktika fest in die Grund- bzw. Eingliederungslehrgänge integriert. Denn über die Praktika gewinnen die Jugendlichen Eindrücke von der realen Arbeitswelt und können anhand ihrer Erfahrungen die eigenen Berufswünsche überprüfen und gegebenenfalls revidieren. Die jeweiligen Firmen wiederum sind in der Lage, die Fähigkeiten und Kompetenzen der potenziellen Auszubildenden kennen zu lernen und mit dem von ihnen erwarteten Anforderungsprofil abzugleichen. Schließlich können die Jugendlichen nur dann möglichst passgenau in ein Praktikum vermittelt werden, wenn ihre Qualifikationen zuvor über ein differenziertes Kompetenzfeststellungsverfahren ermittelt worden sind.

Die Koordination dieser Fülle von Aufgaben - von der Akquisition und Betreuung der Firmen bis hin zur Beratung und Unterstützung der Jugendlichen bei ihrem Berufswahlprozess - erfordert den Einsatz einer speziellen Lernortkoordinatorin bzw. eines Lernortkoordinators an jedem unserer Standorte. Das genaue Tätigkeitsprofil des Lernortkoordinators bzw. der Lernortkoordinatorin haben wir in unserem Newsletter 01 bereits beschrieben.

Auf betriebliche Ausbildung ausgerichtete Ausbildungsvorbereitung  Zurück zum Inhalt

EDV
PC-Trainingsraum im Schweriner Ausbildungszentrum.

Die innerhalb des Nordverbundes angebotenen IT- Lehrgänge unterscheiden sich inhaltlich. Der Ausbildungskurs "EDV- und Internetgrundlagen" für Jugendliche mit besonderem Förderbedarf (Schwerin) setzt sich aus einem anderen Personenkreis zusammen als die drei Grundausbildungslehrgänge für IT- und Mediengestalter-Berufe (Angermünde, Bremen und Hamburg). Während der Förderlehrgang eher auf Jugendliche mit Lernschwierigkeiten - meist dokumentiert durch einen Schulabbruch (71 Prozent) - zugeschnitten ist, richten sich die Grundausbildungslehrgänge gezielt an Jugendliche, die sich für den IT- und Medienbereich interessieren und später eine Ausbildung in einem der neuen IT- und Medienberufe beginnen wollen. Mit den Grundausbildungslehrgängen wollen wir demnach denjenigen Jugendlichen eine Chance auf betriebliche Ausbildung geben, die bereits eine Ausbildung abgebrochen oder schon eine andere berufsvorbereitende Maßnahme durchlaufen haben. Ein besonderes Augenmerk legen wir dabei auf einen Personenkreis, dem der Zugang zu den Ausbildungsplätzen im Bereich der IT- und Mediengestaltung noch besonders schwer fällt: den ausländischen Jugendlichen sowie den Mädchen und jungen Frauen.

IT- und Medienberufe für Frauen und Ausländer öffnen    Zurück zum Inhalt

Herkunft der Teilnehmer

Nach einem Jahr Laufzeit des Modellvorhabens sind die Berufsvorbereitungslehrgänge des ersten Jahrganges abgeschlossen. Insgesamt haben wir 82 Teilnehmerinnen und Teilnehmer gezählt. Der Frauenanteil von 35,4 Prozent zeigt zwar, dass Frauen bzw. junge Mädchen in unseren Berufsvorbereitungslehrgängen noch immer unterrepräsentiert sind, sie aber dennoch zu einem nicht unerheblichen Anteil Interesse an einer Ausbildung in den neu gestalteten Berufen im IT- und Medien-Bereich zeigen. Beim Vergleich der Standorte unterscheiden sich die Teilnehmer/innen erwartungsgemäß besonders auffällig in einem soziografischen Merkmal. Auf Grund der unterschiedlichen Bevölkerungsstruktur in Ost- und Westdeutschland finden sich ausländische Jugendliche nur in den westdeutschen IT-Grundausbildungslehrgängen. Die folgende Grafik veranschaulicht, wie groß ihr Anteil ist und wie fassettenreich sich dieser Personenkreis zusammensetzt.

Der Ausbildungsplatzmangel trifft alle Bevölkerungsschichten    Zurück zum Inhalt

Schulabschlüsse der Teilnehmer

Der soziale Status der Teilnehmer/innen signalisiert, dass der Ausbildungsplatzmangel mittlerweile ein Problem für alle Bevölkerungsgruppen darstellt. Die Jugendlichen in den berufsvorbereitenden Grundlehrgängen besitzen die unterschiedlichsten Schulabschlüsse. Selbst ein Abitur garantiert nicht mehr, einen Ausbildungsplatz im IT- und Medienbereich zu erhalten, wie das folgende Schaubild illustriert. Der Anteil derjenigen ohne Schulabschluss speist sich ausschließlich aus dem oben beschriebenen Förderlehrgang "EDV- und Internetgrundlagen" (Schwerin). Insofern spiegelt das obige Schaubild nicht ganz die Zusammensetzung der Grundlehrgänge wider.

Der Anteil derjenigen ohne Schulabschluss speist sich ausschließlich aus dem oben beschriebenen Förderlehrgang "EDV- und Internetgrundlagen" (Schwerin). Insofern spiegelt das obige Schaubild nicht ganz die Zusammensetzung der Grundlehrgänge wider.

Unterstützung im Berufswahlprozess ist nötig    Zurück zum Inhalt

Zu Beginn der Schulungen haben die jeweiligen Ausbilder/innen die Jugendlichen in ihrem Berufswahlprozess unterstützt. Diese Begleitung setzt natürlich die Kenntnis ihrer Fertig- und Fähigkeiten voraus. Um diese zu ermitteln, kam ein standardisiertes Instrument zur Kompetenzfeststellung zum Einsatz. Neben allgemein bildenden und fachberuflichen Test sollten solche zur Selbst- und Fremdwahrnehmung dazu befähigen, den eigenen Berufswunsch besser zu beurteilen und gegebenenfalls zu verändern. Auf diese Weise ließ sich gemeinsam mit den Jugendlichen eine auf ihre individuellen Bedürfnisse zugeschnittene Berufswegeplanung entwickeln. Immerhin haben fast 37 Prozent der Jugendlichen im Laufe der Lehrgänge ihren Berufswunsch verlagert. Von dieser Gruppe begründete der größte Teil - nämlich 38 Prozent - die eigene Umorientierung mit den Erfahrungen in den Lehrgängen. Die Veränderungen der Berufswünsche - differenziert nach Berufsfeldern - dokumentiert das folgende Diagramm.

Veraenderungen der Berufswuensche

Betriebspraktika verzahnen Berufsvorbereitung mit betrieblicher Ausbildung 
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Die fachliche Ausbildung hat sich in einzelne, fachlich voneinander abgrenzbare Inhalte gegliedert. Die Lehr-Module des Förderkurses (PC-Hardware und Betriebssysteme, Textverarbeitung, Tabellenkalkulation, Präsentation sowie Informations- und Kommunikationsnetze) sind in den IT-Grundlehrgängen durch folgende Komponenten ergänzt worden: Betriebliche Organisation, Fachenglisch, Netzwerkadministration, Bildbearbeitungsprogramme, Erstellung einer Homepage im Internet. Die Betriebspraktika dienten schließlich dazu, die Berufsvorbereitung mit der Ausbildung zu verzahnen. Zu fragen ist daher, ob die Praktika tatsächlich das Sprungbrett darstellen, welches die Jugendlichen mit besonderem Förderbedarf in die betriebliche Ausbildung katapultiert. Denn nach bislang gängiger Meinung entsprechen nur die Abiturienten den hohen Anforderungsprofilen der IT- und Mediengestalterberufen. Das folgende Diagramm präsentiert die Ergebnisse am Ende der berufsvorbereitenden Maßnahmen.

Ergebnisse

Fast fünfzig Prozent der benachteiligten Jugendlichen konnten somit erfolgreich auf einen betrieblichen Ausbildungsplatz vermittelt werden. Dies zeigt, dass bei gezielter Förderung auch ein Personenkreis, der bislang nur geringe Chancen hatte, einen betrieblichen Ausbildungsplatz in den IT- und Medienberufen zu erhalten, diese Hürde überwindet. Zu dem Erfolg haben die zuvor vermittelten Betriebspraktika wesentlich beigetragen. Denn bei 45 Prozent der Fälle ließen sich schon bei den Praktikumverträgen Vereinbarungen treffen, die den Jugendlichen einen Ausbildungsplatz in Aussicht stellten.

Die Jugendlichen haben das Praktikum dazu genutzt, ihre eigenen Qualifikationen zu präsentieren und sich in die betriebliche Praxis einzubringen. Meist konnten sie ihre schlechten Zeugnisse oder unzureichenden Schulabschlüsse mit überzeugenden Leistungen in der Betriebspraxis ausgleichen. Volontariate verbessern somit auch das Auswahlverfahren bei den Ausbildungsplatzbewerbungen, da die Firmen in der Lage sind, sich ein umfassenderes Bild von den potenziellen Auszubildenden zu machen. Praktika relativieren somit wirkungsvoll die noch immer vorherrschende Dominanz von Schulnoten.

Akquisitionsstrategien verbessern    Zurück zum Inhalt

Der in obigem Schaubild ausgewiesene hohe Anteil von Übergängen in außerbetriebliche Ausbildung (22 Prozent) ist ganz auf das Vermittlungsresultat des Eingliederungslehrganges (Schwerin) zurückzuführen. Denn trotz aller Bemühungen, neue Betriebe als Lernort für benachteiligte Jugendliche wiederzugewinnen, zeigt auch die überwiegende Anzahl der Firmen im IT- und Medienbereich nur eine geringe Bereitschaft, Jugendlichen ohne Schulabschluss einen Ausbildungsplatz anzubieten.

Unsere Bemühungen müssen sich daher in Zukunft darauf konzentrieren, die Akquisitionsstrategien weiter zu verfeinern. Dabei sollen uns auch die Erfahrungen aus dem bereits erwähnten Modellvorhaben "Arbeitsweltbezogene Jugendsozialarbeit" zugute kommen. Die dort entworfenen vier typischen Konstellationen von Betrieben, die eine jeweils andere, auf die verschiedenartigen Bedürfnisse der Firmen abgestimmte Akquisitionsstrategie erfordern, werden wir hinsichtlich ihres Gehaltes überprüfen und in unsere Akquisitionsstrategien einfließen lassen.

Fazit    Zurück zum Inhalt

Letztlich zeigen die hier vorgestellten Resultate: Wenn sich die Träger der Jugendberufshilfe auch als Bildungsdienstleister für die Betriebe verstehen und ihnen genau diejenigen Jugendlichen vermitteln, die diese nachfragen, dann werden immer mehr Firmen, die heute nicht mehr oder noch nicht ausbilden, bereit sein, sogar Jugendliche mit besonderem Förderbedarf auszubilden. Denn die Angebote der Träger reduzieren in den Betrieben die Aufwendungen, die durch die zeit- und kostenintensiven Auswahlverfahren entstehen. Dieses Anreizsystem verdient es daher, weiter ausgebaut und verbessert zu werden.

Dr. Jörg Hutter ist
Projektleiter des Modellversuches
"Arbeitsmarktorientierung in der Benachteiligtenförderung" und
bei Jugendbildung Hamburg GmbH (JBH) beschäftigt.
JBH, Wiesendamm 22 B, 22305 Hamburg,
eMail: Jörg Hutter

Literatur    Zurück zum Inhalt

Brandtner, Hans: Wege in eine betriebliche Ausbildung für benachteiligte Jugendliche, in: Durchblick, hiba-Verlag, Darmstadt 1.2001.

Gericke, Thomas: Der Betrieb als Partner der Jugendberufshilfe, in: Durchblick, hiba-Verlag, Darmstadt 1.2001, sowie Ders.: Die Wiedergewinnung des Betriebes als Ausbildungsort für Benachteiligte, Forschungsbericht, Hg. Deutsches Jugendinstitut e.V., München/Leipzig 2001.

Newsletter 01 des Nordverbundes: Arbeitsmarktorientierung in der Benachteiligtenförderung, Hamburg 8.2001.


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